Geschichtchen: Loch in Mensch

Jeff (“Ja, man, du bist der erste, der den Witz bringt. Ja, man, genau wie der aus der Werbung. Ja, man, ich bin voll der Stecher.”) ist Deutschlandfan. Natürlich, was soll man auch sonst sein, wenn man Deutsch spricht, schreibt und denkt, fragst du? Es geht um Fußball, du hast es geahnt? Jeff ist im WM-Fieber, rotpockig, aber die Tattoos waren vorher schon da. Also nicht ‘ganz vorher’, vor der Haft meine ich, aber zumindest vor der WM. Jeff hat einen Fernseher auf Bude, 42 Zoll, mehr ist nicht erlaubt, da schaut er nun seit 2 Wochen die Fußballweltmeisterschaft, welch’ erhabenes, voller Funktionäre funktionierendes Treiben. Deutschland gegen Schweden, wie damals so auch heute. Das ist das Spiel! Ein Becher selbstgebrauter Brotschnaps steht bereit. Jeff ist bereit. Bereit 5 Bomben Tabak zu gewinnen. “Wir ballern euch weg!”, brüllt Jeff Richtung Wand hinter dem Fernseher. “Maul, Katze!”, hört man es dumpf aus der Wand. “5 Bomben, Opfer!” – “Hof, nachher!”, Wilmer war Zelle 6, Jeff Zelle 7. Wilmer so gesammelte Raubüberfälle, Jeff so Totschlag, wieder mal. Wilmer war kein Schwede, aber er hatte eine schwedischen Vornamen und gegen den Drecksnazi Jeff, den einzigen in Haus 9, musste man einfach sein.

“Schweden macht die Bomben klar”, Anpfiff, Gegrölle aus allen Zimmern (“Zimmerservice!”, “Berlin, Berlin…”), Wilmers Fernseher macht Macken, zwei fette Streifen, dann Bild weg, aber der allgemeine Lärmpegel im Hintergrund vermittelt jeden Spielzug. Endlich mal was los hier im Vollzug, alle gehen mit und irgendwie sind alle für Schweden, außer Jeff und die Schließer. Vielleicht ist das der Schlüssel? Und wie die Deutschen vorlegen! Unglaublich, fünf Tore in 30 Minuten, und das nach diesem verhalten bürokratischen Vorspiel! Schweden wirkt deklassiert, trotz drei Anschlusstreffern. Der allgemeine Lärmpegel stiller, genau wie Wilmer. “Verdammt, Schulden machen für den Nazi, oder Prügel kassieren. Scheiß Fußball, scheiß Knast.” Bislang liefen die Wetten gegen den Vollproll gut, aber den deutschen Schuss hatte Wilmer unterschätzt. Halbzeit, Gegrölle, Wilmers Fernsehbild kommt wieder, bekloppte Sprüche von Moderatoren, Schwenke über Fanmeilen, weiter Blick wie hoffnungsvoller Jeff. 5 Bomben sind eine gute Anlage, Businessgrundlage, überlebenswichtig im Bau. Noch ein Becher Brot, ab geht’s, Werbung, zweite Halbzeit. “Bämm, bämm, bämm.” Jeff tritt gegen Wilmers Wand. “Her mit dem Stoff… nachher, Schnee-Kanake, auf’m Hof.” Wie ein schlechtes Script, wie durch Magie, Schweden wie ausgewechselt, Thors Hammer! Mit 4 Treffern in Folge, Deutschland bäumt sich auf, Jeff weint, Wilmer feiert und polltert mit jeden Tor mehr gegen die Wand. “Geh doch nach Hause!” (“Schön wär’s.”) Hoffnung bedeutet der Anschlußtreffer 6:7 für Schweden, doch vergeblich, die Schließer toben, ein Fest für alle Häftlinge, bis auf Jeff, wie dialektisch, der im Knast Gefickteste ist der Sohn des Betreibers. Dessen Trauer, Entsetzen, Zerstörtheit wenden sich nach außen. Alarm in der Anstalt!

Die Wand leidet, immer wieder rauschen Jeffs Körperteile in den Beton, schon löst sich der Putz, Wilmer hält dagegen, mit Tritten in die Richtung, in der er den “Teutschen” vermutet. “Jetzt regnet’s Bomben.” – “Ich mach’ dich so platt, Drecksschwede…” Tatsächlich, im wahnsinnigen Reigen von Freude und Entsetzen innerhalb der Anstalt, löst sich der erste Stein, ein neonlichtiges Loch wächst. Doch bevor der harte Schritt des Schweden in voller Kraft die fliegenden Fäuste des Deutschen trifft, durch das Loch, wäre es himmelwärtsgerichtet einem Ausbruchsversuch gleichkommend, fliegen die Stöcke und klicken die Schellen. Jeff denkt an Kabelbinder-Girls Fetisch… Wilmer an sein Ninjaschwert aus Spezialstahl. Das Treiben endet für beide im Loch, im eigenen, europäisch klassifiziert diszipliniert, nix mehr mit Konsum und Bomben, alles menschenrechtskommisionsgeprüft. Antrag auf vorzeitige Haftentlassung entfällt hiermit. Eine Parabel: Sich solidarisch dumm durch Fußball aufgerieben, Freiheit war egal, schwarzes Loch.


Diese Story hatte ich so oder so ähnlich schon ein paar Monate rumliegen, hier mal leicht geschliffen in einer ersten Version. Man könnte schon noch ein wenig mehr drauf rumhaken. Oder es vertheaterszenen. Mal sehen… Glück auf bis dahin.

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Projekt “Zukunftsmusik”

Flyer zum Projekt

Flyer zum Projekt

Über den Träger miteinander e.V. bekam ich schon mehrere spannende Projekte vermittelt. Der Verein Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V. beschreibt sich als “Träger der politischen Bildungsarbeit sowie als Träger der Beratung und Vernetzung von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekten”. Ich durfte bereits in mehreren pädagogischen Gruppen mitwerkeln, so unter anderem in Ferienprogrammen und Projektwochen, aber auch mit “Schulverweigerern” in sogenannten “Schulaktivierungskursen” und mit “Gefangenen” in der Jugendanstalt Rassnitz in Sachsen-Anhalt.

Und genau so ein letztgenanntes Gefängnis-Projekt findet aktuell seinen Abschluß. Unter der Leitung von Till Baumann werden wir nächste Woche in Rassnitz mit einem Forumstheaterstück zwei Aufführungen präsentieren. Dabei treten jugendliche Gefangenen einmal “öffentlich” (mit Anmeldung!) und einmal “vor dem Haus” (also vor Mitgefangenen und der Anstalts-/ bzw. Hausleitung) auf. Ich kümmere mich um Sound und Licht und habe einen meiner Tracks als Soundtrack für das Stück bearbeitet.

Ich sammle bei solchen Projekten viele Eindrücke, so habe ich zum Beispiel viel über “Freiheit” nachzudenken. Zum Feierabend nach einer Probe “als einziger” gehen zu können, hinterlässt ambivalente Gefühle. Bedeutet Freiheit, dass ich mir ein Feierabendbier am Späti kaufen kann? Dass ich meine Frau länger als 30 Minuten einmal die Woche treffen oder nach 12 noch vor dem Fernsehen sitzen darf? Auch die Geschichten der Jugendlichen beeindrucken mich sehr, oft steht hinter “dem Verbrecher” eine tragische Geschichte. Selten sind die Jungs nur aus “eigener Schuld” in ihre Lage gekommen. Ich möchte nicht von “Opfern der Gesellschaft” sprechen, denn es handelt sich eindeutig um Täter… bleibt aber die Frage: Werden Opfer später selber Täter? Es ist offensichtlich, dass “schwierige Familie”, “falsche Freunde” und “zu wenig Geld” eben die Motive sind, die die Jugendlichen zu Straftaten verleiten.

Die Arbeitsweise von Till beeindruckt mich in diesem Zusammenhang sehr. Ich kann schlecht das emanzipatorische Konzept des Forumtheaters erklären, allerdings: Die Geschichten, die von den Jugendlichen, die häufig das erste Mal Theater spielen, entworfen werden, sind fantasievoll und bewegend, könnten “lebensnaher” nicht sein. Wenn ich etwas aus den Geschichten lerne, dann, dass Menschen sehr unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Leben sammeln und dass jeder mit Problemen anders umgeht. Deswegen bin ich froh, “frei” zu sein, und mir dessen “bewußt” zu sein. Und dass ich keine ernsthaften Probleme habe… (:

Das Highlight am aktuellen Projekt ist, dass die Theaterkurse parallel und abwechselnd in zwei Gefängnissen stattfinden. Auch in Herford arbeitet eine Gruppe mit Till und Team am Thema. Das Verrückteste: Die beiden Gruppen werden sich in Rassnitz begegnen und gegenseitig Szenen präsentieren! Hört sich profan an, gab es so aber in der Gefängnisarbeit noch nie. Das ganze Prozedere des Austauschs (Busfahrten, Übernachtungen…) hat natürlich einen nicht unerheblichen verwaltungs- und sicherheitstechnischen Vorlauf, will sagen: drei Kreuze, wenn alles geklappt hat und am Ende jeder wieder in der richtigen Zelle sitzt. “Gefangenenaustausch” mal anders, wir können den Anstalten für die Möglichkeit sehr dankbar sein. Ich bin mir sicher, dass es für die Jugendlichen eine tolle Zeit wird. Auch für uns ist das eine spannende Premiere. Nur sehr selten findet ein Austausch zwischen Gefängnissen verschiedener Bundesländer statt, denn Strafvollzug ist Ländersache.

Eine Sache noch: Ohne das Engagement der beiden katholischen Seelsorger in Herford und Rassnitz wären diese Projekte nicht möglich. Es würde uns schlicht an Ansprechpartnern und “Vor-Ort-Kräften” fehlen. Das gibt mir als überzeugter Atheist zu denken. Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten zur Resozialisierung von Straffälligen, nicht nur kirchlich getragen, sondern auch weltlich gefördert.