Projekt “Zukunftsmusik”

Flyer zum Projekt

Flyer zum Projekt

Über den Träger miteinander e.V. bekam ich schon mehrere spannende Projekte vermittelt. Der Verein Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V. beschreibt sich als “Träger der politischen Bildungsarbeit sowie als Träger der Beratung und Vernetzung von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Projekten”. Ich durfte bereits in mehreren pädagogischen Gruppen mitwerkeln, so unter anderem in Ferienprogrammen und Projektwochen, aber auch mit “Schulverweigerern” in sogenannten “Schulaktivierungskursen” und mit “Gefangenen” in der Jugendanstalt Rassnitz in Sachsen-Anhalt.

Und genau so ein letztgenanntes Gefängnis-Projekt findet aktuell seinen Abschluß. Unter der Leitung von Till Baumann werden wir nächste Woche in Rassnitz mit einem Forumstheaterstück zwei Aufführungen präsentieren. Dabei treten jugendliche Gefangenen einmal “öffentlich” (mit Anmeldung!) und einmal “vor dem Haus” (also vor Mitgefangenen und der Anstalts-/ bzw. Hausleitung) auf. Ich kümmere mich um Sound und Licht und habe einen meiner Tracks als Soundtrack für das Stück bearbeitet.

Ich sammle bei solchen Projekten viele Eindrücke, so habe ich zum Beispiel viel über “Freiheit” nachzudenken. Zum Feierabend nach einer Probe “als einziger” gehen zu können, hinterlässt ambivalente Gefühle. Bedeutet Freiheit, dass ich mir ein Feierabendbier am Späti kaufen kann? Dass ich meine Frau länger als 30 Minuten einmal die Woche treffen oder nach 12 noch vor dem Fernsehen sitzen darf? Auch die Geschichten der Jugendlichen beeindrucken mich sehr, oft steht hinter “dem Verbrecher” eine tragische Geschichte. Selten sind die Jungs nur aus “eigener Schuld” in ihre Lage gekommen. Ich möchte nicht von “Opfern der Gesellschaft” sprechen, denn es handelt sich eindeutig um Täter… bleibt aber die Frage: Werden Opfer später selber Täter? Es ist offensichtlich, dass “schwierige Familie”, “falsche Freunde” und “zu wenig Geld” eben die Motive sind, die die Jugendlichen zu Straftaten verleiten.

Die Arbeitsweise von Till beeindruckt mich in diesem Zusammenhang sehr. Ich kann schlecht das emanzipatorische Konzept des Forumtheaters erklären, allerdings: Die Geschichten, die von den Jugendlichen, die häufig das erste Mal Theater spielen, entworfen werden, sind fantasievoll und bewegend, könnten “lebensnaher” nicht sein. Wenn ich etwas aus den Geschichten lerne, dann, dass Menschen sehr unterschiedliche Erfahrungen in ihrem Leben sammeln und dass jeder mit Problemen anders umgeht. Deswegen bin ich froh, “frei” zu sein, und mir dessen “bewußt” zu sein. Und dass ich keine ernsthaften Probleme habe… (:

Das Highlight am aktuellen Projekt ist, dass die Theaterkurse parallel und abwechselnd in zwei Gefängnissen stattfinden. Auch in Herford arbeitet eine Gruppe mit Till und Team am Thema. Das Verrückteste: Die beiden Gruppen werden sich in Rassnitz begegnen und gegenseitig Szenen präsentieren! Hört sich profan an, gab es so aber in der Gefängnisarbeit noch nie. Das ganze Prozedere des Austauschs (Busfahrten, Übernachtungen…) hat natürlich einen nicht unerheblichen verwaltungs- und sicherheitstechnischen Vorlauf, will sagen: drei Kreuze, wenn alles geklappt hat und am Ende jeder wieder in der richtigen Zelle sitzt. “Gefangenenaustausch” mal anders, wir können den Anstalten für die Möglichkeit sehr dankbar sein. Ich bin mir sicher, dass es für die Jugendlichen eine tolle Zeit wird. Auch für uns ist das eine spannende Premiere. Nur sehr selten findet ein Austausch zwischen Gefängnissen verschiedener Bundesländer statt, denn Strafvollzug ist Ländersache.

Eine Sache noch: Ohne das Engagement der beiden katholischen Seelsorger in Herford und Rassnitz wären diese Projekte nicht möglich. Es würde uns schlicht an Ansprechpartnern und “Vor-Ort-Kräften” fehlen. Das gibt mir als überzeugter Atheist zu denken. Ich wünsche mir mehr Möglichkeiten zur Resozialisierung von Straffälligen, nicht nur kirchlich getragen, sondern auch weltlich gefördert.

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